Die Schatzsuche in der Gartenkolonie

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Voher-Nachher: Im maroden Zustand befand sich die Münchner Villa der Jahrhundertwende, nach dem sie vom grünen Wildwuchs befreit wurden. Ein Jahr darauf ist aus dem gut 100 Jahre alten Haus wieder ein Schmuckstück geworden

Traum oder Albtraum? Restaurierung einer alten Münchner Villa

Dichtes Gestrüpp hat den nur schemenhaft zu erkennenden Weg zum Haus überwuchert. Üppige Efeupflanzen streben am Mauerwerk gen Himmel, dringen durch rissige Ziegeln und zerschlagene Fenster ins Innere vor. Wasser, das durch das undichte Dach eintritt, beschleunigt den Verfall. Feucht ist es. Spinnweben durchziehen jeden Raum. In allen Winkeln gluckert und ächzt es. Nur trübes Licht bahnt sich einen Weg durch grauverschmierte Scheiben.
Keine schottische Schlossruine ist es, die da für wohliges Gruseln sorgt. Nein, eine Villa der Jahrhundertwende geht hier Ihrem Untergang entgegen. Und das mitten in München, in einem gehobenen Stadtviertel, an einer ansonsten von gepflegten Hecken gesäumten Wohnstraße. Als Innenarchitektin Anne Batisweiler das von Grün umschlungene Gemäuer zum ersten Mal sieht, ist es um sie geschehen. Sie will das Haus wecken aus seinem Dornröscheinschlaf, es zurückverwandeln in das, was es einmal war: ein Juwel der Architektur seiner Zeit.

Mit kühlem Kopf vorm Sarnierungsfall

Ein altes Haus renovieren und mit Leben erfüllen – diesen Traum haben viele Menschen. ‚Aber die meisten schrecken davor zurück. Unübersehbare Kosten, aufwändige Handwerkersuche und strenge Auflagen der Denkmalschutzbehörde bringen hochfliegende Pläne schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht so bei Anne Batisweiler: Die Münchnerin bewahrte kühlen Kopf und nahm sich des Mammutprojekts an. Mit strengen Auflagen allein gelassen fühlte sie sich nie: „Die Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde war konstruktiv und wenn ich etwas anders machen wollte, wie etwa den Balkon vergrößern, dann hieß es: Kein Problem. „Eine zufriedene Bilanz, die der Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt München, Ludwig Semmler, teilt. „Wir machen nur Auflagen, die technisch machbar und auch bezahlbar sind.“

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Als durch und durch morsch erwies sich der Wintergarten außen wie innen. Efeu hatte sich dort breit gemacht.

Ländliche Idylle in der Stadt

Viel Einfallreichtum und Tatkraft war nötig, um aus der Gartenkolonie-Villa wieder ein Schmuckstück zu machen. Farbschichten wurden fachgerecht entfernt und dann war alles „so spannend wie eine Ausgrabung oder Schatzsuche“, beschreibt Batisweiler die Freude über wieder entdeckte Malereien, die von der Vergangenheit des Gebäudes erzählten. Heimische Blumenmotive fanden sich auf Fensterläden, Stuck und Ornamente tauchten an den Wänden auf, gerundete Ecken gaben der Außenfassade die außergewöhnliche Note, das riesige Fenster unterm Dach deutete auf ein Maleratelier hin. Auch wenn bislang wenig über die früheren Besitzer bekannt ist, war für Anne Batisweiler „plötzlich alles stimmig: Ein Städter wollte ein ländliches Idyll in der Stadt haben.

Fenstergriffe vom Flohmarkt

Historische Fotos und die Befunduntersuchung einer Restauratorin dienten als Basis für die Arbeiten: Verputzen mit dem Reisigbesen gehört da genauso dazu, wie technische Raffinessen einer Temperierung mit Rohren in den Mauern, um die Feuchtigkeit dauerhaft aus dem Gemäuer zu kriegen und das 268 qm große Haus ohne Heizkörper heizen zu können. Mit Schablonen wurden die Ornamente an den Wänden und die einst verwendeten Farben wieder sichtbar gemacht, auf Flohmärkten wurde Ausschau nach Fenstergriffen gehalten und eine Gießerei fertigte für ungeahnte günstige vier Euro pro Stück Beschläge für die Fensterrahmen an. Und „bei dem Preisen waren dann noch ein paar Beschläge als Reserve drin“, freut sich Anne Batisweiler.

Die Villa, um die sich die Anwohner angesichts des desolaten Zustands sorgten, glänzt nun wieder in alter neuer Schönheit. „Die beste Baubehörde ist die Nachbarschaft, schmunzelt Ludwig Semmler in Erinnerung an die Meldung der Anwohner, die das Amt vom Verfall des Gebäudes informierten. Umso begeisterter zeigten sich Anne Batisweiler und ihr Mann, der Lichtdesigner Rolf Leinberger, als „die Leute in Trauben vor dem Haus standen, als das Gerüst weg kam. Viele haben gesagt, sie hätten nicht gedacht, dass das Haus so schön werden würde“ Freilich gab´s das Schmuckstück nicht um sonst:“500 000 Euro für den Hauskauf und dann haben wir noch mal so viel rein gesteckt“, zählt Batisweiler zusammen. Die Denkmalschutzbehörde hatte den denkmalpflegerischen Mehraufwand korrekt auf 250 000 Euro geschätzt und gewährte 25 000 Euro als Zuschuss; zudem wurden gut 2500 Euro für die Befunduntersuchung beigesteuert.

Beitragsbild-Merkur-06 Liebe zum Detail: Die mit Blumenmotiven bemalten Fensterläden.

Beitragsbild-Merkur-05Rundum zufrieden: Die Bauherren Anne Batisweiler und Rolf Leinberger sowie der Leiter der Münchner Denkmalschutzbehörde Ludwig Semmler im restaurierten Wintergart

Denkmalamt zeigt sich beeindruckt

Hinzu kommt laut Semmler aber noch „ein indirekter Zuschuss“ von staatlicher Seite: Die Baukosten sind per Sonderabschreibung auf zehn Jahre verteilt zu 100% von der Steuer absetzbar und nicht wie bei einem normalen Bauvorhaben mit 10% auf einem Jahr. Zuschüsse werden aber immer individuell fest gesetzt: Art des Baudenkmals, Zustand des Gebäudes, die sozialen Umständen der Bauherren und weitere Faktoren werden berücksichtigt.

Anne Batisweiler ist stolz auf das Geschaffte, aber sie findet beim Rundgang mit dem vom Ergebnis beeindruckenten Leiter der Denkmalschutzbehörde immer noch Ecken und Kanten, die mit Liebe zum Detail noch schöner werden könnten. Gespannt darf man übrigens auch sein, wie die Jury der Landeshauptstadt die Fassade des Gebäudes beurteilt, denn bis September 2002 fallen im Fassadenwettbewerb die Würfel…

 

Beitrag Merkur Journal 11-12.05/2002
Autor: Marion Friedl
Foto: Pulfer / fkn
Verlag: Münchener Zeitungs-Verlag GmbH & Co.KG
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